to do: transformation 2026
Transformation in der Krise
Die industrielle Transformation steht unter Druck. Geopolitische Konflikte, hohe Energie- und Rohstoffkosten, internationaler Wettbewerbsdruck und schwaches Wachstum erschweren den Umbau der Industrie. Gleichzeitig bleibt die Modernisierung hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft notwendig.
Bei der vierten Ausgabe der industriepolitischen Jahreskonferenz „to do: transformation“ am 1. September 2026 in der Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund in Berlin wurde deutlich: Entscheidend ist nicht allein, wie viel Geld für die Transformation bereitsteht, sondern wofür es eingesetzt wird, welche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden und wie wieder langfristige Verlässlichkeit entsteht.
Die Veranstaltung der Stiftung Arbeit und Umwelt der IGBCE stand unter dem Titel „Transformation in der Krise“ und wurde von Julia Kropf moderiert.

Andrea Arcais, Geschäftsführer der Stiftung Arbeit und Umwelt der IGBCE, machte zum Auftakt deutlich, wie sehr sich die Ausgangslage verschärft hat.
Die To-do-Liste der Transformation sei in den vergangenen vier Jahren nicht kleiner geworden, vielmehr seien die Aufgaben noch drängender.
An vielen Stellen gehe es inzwischen nicht mehr darum, eine neue Erzählung für die Transformation zu finden, die alles einfacher mache: „Es geht um sehr viel mehr, und es geht ans Eingemachte.“
Veronika Dicke, Bevollmächtigte des Landes Niedersachsen beim Bund, betonte in ihrem Grußwort die gesellschaftliche Dimension der Industriepolitik: „Deutschland muss Industrieland bleiben und Europa muss Industriestandort bleiben.“
Transformation muss wieder Fortschritt bedeuten

IGBCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis warb in seiner Eröffnungsrede dafür, Transformation wieder mit Fortschritt, Innovation und industrieller Modernisierung zu verbinden. Zugleich warnte er davor, die Schwierigkeiten der deutschen Industrie allein auf die Klimapolitik zurückzuführen.
Geopolitische Verwerfungen, die US-Handelspolitik, die chinesische Wirtschaftspolitik und die veränderte Energie- und Rohstoffversorgung stellten Deutschland und Europa vor grundlegende Herausforderungen.
Für eine erfolgreiche Transformation brauche es wieder mehr gemeinsames Aushandeln zwischen Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften. Einen neu belebten Korporatismus bezeichnete Vassiliadis als „beste Medizin“.
Was bewirken die Milliarden?
In der anschließenden Paneldiskussion ging es um die Frage, welche Investitionen und politischen Rahmenbedingungen notwendig sind, um industrielle Wertschöpfung unter den Bedingungen von Multikrisen und geopolitischen Umbrüchen zu sichern.

Matthias Miersch, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, stellte die politische Verlässlichkeit in den Mittelpunkt. Das 500-Milliarden-Euro-Investitionspaket sei eine wichtige Weichenstellung: „Es ist zentral gewesen, dass wir jetzt diese 500 Milliarden haben, weil ansonsten bräuchten wir über die Zukunft gar nicht zu reden.“ Nun müsse das Investitionsprogramm sichtbar und spürbar werden. Gerade die Industrie brauche langfristige Planungshorizonte. Gleichzeitig gebe es bei Subventionen, staatlicher Unterstützung und Eingriffen in Märkte noch keine ausreichend klaren gemeinsamen Positionen.
Die Ökonomin Philippa Sigl-Glöckner, Gründerin und Direktorin des wirtschaftspolitischen Thinktanks Dezernat Zukunft, lenkte den Blick stärker auf die Wirkung staatlicher Investitionen. Rund 37 Milliarden Euro flössen in diesem Jahr aus dem Klima- und Transformationsfonds, davon etwa 20 Milliarden Euro an Unternehmen. Deutschland müsse strategischer entscheiden, welche Technologien und Wertschöpfungsketten künftig entscheidend seien. Gleichzeitig fehle es im Innovationssystem an einer durchgängigen Verbindung von Bildung und Grundlagenforschung bis zur Entwicklung neuer Unternehmen und Technologien.

Wie entscheidend Verlässlichkeit für die Transformation ist, machte Jörg Waniek, Personalvorstand der LEAG, am Beispiel der Lausitz deutlich. Der Strukturwandel sei dort inzwischen spürbar, die Region habe zuvor aber lange unter Unsicherheit gelitten. Umso wichtiger sei es, dass politische Zusagen auch umgesetzt werden: „Dieses Wort halten und immer wieder zeigen, dass aus Worten auch Taten werden, das ist ein ganz wichtiger Punkt, um Vertrauen zu generieren.“ Investitionen müssten neue wirtschaftliche Perspektiven und Arbeitsplätze schaffen. Beim Kohleausstieg halte die LEAG am vereinbarten Ziel 2038 fest – eine erneute Veränderung könne mühsam aufgebautes Vertrauen wieder beschädigen.
Am Wasserstoff zeige sich zugleich, dass politische Transformationsziele allein nicht ausreichen. Elektrolyseprojekte in Mitteldeutschland seien zunächst auf Eis gelegt worden, weil ohne Leitungsnetz und einer positiven wirtschaftlichen Tragfähigkeit die wirtschaftliche Grundlage fehle, so Waniek. Transformation brauche deshalb nicht nur politische Ziele, sondern die entsprechende Infrastruktur und wirtschaftlich tragfähige Bedingungen.
Vassiliadis stellte in der Diskussion die grundsätzliche Frage nach der Rolle des Staates und dem gezielten Einsatz öffentlicher Mittel. „Wo wir uns durchringen müssen, ist eine neue Effizienz bei der Frage: Was bewirkt was?“ Soziale Abfederung könne fehlende industriepolitische Antworten nicht ersetzen. Staatliche Mittel müssten gezielter eingesetzt und stärker mit privaten Investitionen verbunden werden. Zugleich müsse Europa seine Stärken strategischer nutzen und Wertschöpfungsketten stärker gemeinsam denken.
Die Paneldiskussion als IGBCE Kompass Podcast-Folge gibt es hier (igbce.de): Transformation in der Krise
Multikrise als neuer Normalzustand

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder ordnete die Diskussion aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ein. Deutschland befinde sich in einer „Multikrise“, die zum neuen Normalzustand geworden sei. Zugleich diagnostizierte er eine „Erneuerungskrise“:
Die deutsche Wirtschaft sei zunehmend weniger in der Lage, Innovationen, Investitionen und neue Arbeitsplätze hervorzubringen. Damit gerate auch das auf Sozialstaat, koordiniertem Kapitalismus und einem Verhandlungsstaat beruhende „Modell Deutschland“ unter Druck.
Fragmentierte Machtverhältnisse und schwächere Sozialpartner erschwerten tragfähige Kompromisse. Als notwendig bezeichnete Schroeder mehr europäische Zusammenarbeit, eine gezielte Industrie- und Sozialstaatspolitik sowie eine Stärkung von Tarifbindung und Mitbestimmung. Vor allem aber müsse der Verhandlungsstaat erneuert und das Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft gestärkt werden. Diesen Gedanken konkretisierte die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan aus dem Publikum. Statt auf Expertenkommissionen zu setzen, brauche es deliberative Verfahren, in denen die beteiligten Interessengruppen selbst nach tragfähigen Kompromissen suchen.

Insgesamt wurde deutlich, dass für das Gelingen der industriellen Transformation nicht allein die Höhe der bereitgestellten Mittel entscheidend ist, sondern deren gezielter Einsatz, verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen und langfristige Planungssicherheit. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass es dafür wieder mehr gemeinsames Aushandeln zwischen Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft braucht. Die To-Do-Liste bleibt also lang. Wir bleiben dran!
Eindrücke der „to do: transformation 2026“ gibt es auch hier im Video: