Zu viel versprochen? Transformation in der Demokratie

Industrieecho der Stiftung Arbeit und Umwelt der IGBCE

Vor rund 80 Zuschauenden diskutierten am 21. April 2026 Wissenschaft, Umweltverbände und Gewerkschaftsseite beim Online-Fachgespräch der Stiftung Arbeit und Umwelt der IGBCE die Frage, warum die Zustimmung zur sozialökologischen Transformation schwindet – und was nötig ist, damit sie wieder mehrheitsfähig wird. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Julia Kropf.

Den Impuls lieferte Philipp Staab (Professor für Soziologie und Arbeit, Wirtschaft und technologischen Wandel an der Humboldt-Universität zu Berlin): Aus soziologischer Sicht sei das Scheitern der letzten Bundesregierung aus SDP, Bündnis 90/Die Grünen und FDP (der „Ampel“) kein deutsches Sonderproblem, sondern ein Signal mit globalem Widerhall. Überall dort, wo Transformationsprojekte politisch unter Druck geraten, zeige sich dieselbe Frage: Wie erneuerungsfähig sind liberale Demokratien noch – und unter welchen Bedingungen gelingt es ihnen, neue gesellschaftliche Prozesse tatsächlich in Gang zu setzen? Transformationsprojekte verlören ihre demokratische Rückendeckung, weil zwei Grundlagen erodiert seien: das Vertrauen in eine erstrebenswerte Zukunft und das Vertrauen in den Staat als schützende Instanz. Staab zeichnete das Bild von einem Tandem: vorne am Lenker sitze „das System“ (Staat, Politik, ggf. Wirtschaft und Unternehmen), hinten an den Pedalen die Bevölkerung. Damit es vorangehe, müssten alle Akteure auf dem Tandem in die gleiche Richtung fahren wollen. Es brauche außerdem Vertrauen in diejenigen, die am Lenker sitzen. Im Kontext der ökologischen Modernisierung werde auf dem Tandem aber vorne beschleunigt, während hinten die Rücktrittbremse gesucht wird. „Und was passiert, wenn auf einem Tandem eine Partei nach vorne tritt und die andere Partei zurück? Die Kette reißt. Dieses Tandem ist, zumindest als ein politisches Tandem, im Grunde genommen gescheitert“, so Staab. Die Aufgabe der Gewerkschaften sei es, die Lebenswelt der Beschäftigten in den Betrieben mit den systemischen Transformationsnotwendigkeiten zu verbinden. Im Bild des Tandems übernähmen die Gewerkschaften daher die Funktion der Kette. Sie müssten nun eine Transformation voranbringen und verteidigen, ohne zu wissen, auf wessen Unterstützung man zählen kann. Wenn weder Zukunftsvertrauen noch Systemvertrauen geeignet seien, die notwendigen Transformationsprozesse anzustoßen, dann sei es notwendig, dass die Gewerkschaften sich auf ihr Selbstvertrauen und ihre Rolle als Vermittlerin berufen.

Eine wichtige Differenzierung brachte Bettina Kohlrausch (Direktorin des WSI, Wirtschafts-, und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung) ein: Transformationsangst und Transformationsgegnerschaft seien nicht dasselbe. Über die Hälfte der europäisch Befragten hat demnach Angst vor Jobverlusten durch Klimaschutzmaßnahmen – nicht, weil sie die Transformation ablehnen, sondern weil sie das Risiko allein tragen sollen. „Diese Ängste werden weltweit extrem erfolgreich von extrem rechten, antidemokratischen Parteien mobilisiert.“ Echte Mitbestimmung bei Investitionen, Qualifizierung und Standortstrategien bleibe bisher oft symbolisch – dabei sei gelebte Beteiligung eine Voraussetzung für Akzeptanz.

Kai Niebert (Präsident Deutscher Naturschutzring, Mitglied Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung) analysierte mit Blick auf die eigene Bewegung: „Wir wollen die Klimakrise stoppen – aber das positive Zukunftsbild steht noch hintenan. Wir stehen für das Leben, reden aber immer über den Tod.“ Die jahrelange Individualisierung des Klimaproblems – Stichwort Konsumkritik – habe Vertrauen gekostet. Was es stattdessen brauche, seien verlässliche Rahmenbedingungen wie den Emissionshandel, die Transformation wirtschaftlich attraktiv machen. Als künftigen Treiber sieht er dabei weniger den Klimaschutz selbst als Resilienz und Unabhängigkeit von fossilen Märkten.

Für eine andere Rahmung der Debatte plädierte schließlich Andrea Arcais (Geschäftsführer der Stiftung Arbeit und Umwelt der IGBCE): „Die Arbeit in den Industrien wird nicht verändert, um Klima zu schützen – sie wird gebraucht, um Klima zu schützen.“ Beschäftigte in der Chemie- oder Energiebranche seien Teil der Lösung, nicht des Problems. Glaubwürdige Transformationspolitik entstehe nicht durch bessere Narrative, sondern durch Ziele, die in der betrieblichen Realität funktionieren – und die, wenn nötig, nachjustiert werden können.

Einig waren sich alle darin, dass Transformation scheitert, wenn sie als Zumutung erlebt wird, die wenige verordnen und viele tragen. Das Fehlen positiver Zukunftsbilder, die Individualisierung des Systemproblems und fehlende echte Beteiligung wurden übereinstimmend als zentrale Ursachen benannt. Auch der Befund, dass extrem rechte Parteien Transformationsängste erfolgreich instrumentalisieren, teilten alle Diskutierenden.

Das Industrieecho machte deutlich: Die sozialökologische Transformation ist kein Informations-, sondern ein Beteiligungsproblem. Wo Beschäftigte mitentscheiden können, wächst die Akzeptanz – wo Risiken individualisiert und Zukunftsbilder unklar bleiben, schwindet sie. Die Stiftung Arbeit und Umwelt der IGBCE wird das Thema weiterverfolgen.