Literaturtipp:

Sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehen wir uns in Bitterfeld

Sabine Schlüter

1990er Jahre: Nach dem Mauerfall verschwand nicht nur ein Staat, sondern auch die industrielle Ordnung, auf der die DDR beruhte. Besonders in der Chemieindustrie zeigte sich schnell, wie groß der Anpassungsdruck war: veraltete Anlagen, enorme Umweltbelastungen und Betriebe, die unter marktwirtschaftlichen Bedingungen kaum bestehen konnten. Innerhalb kurzer Zeit gingen viele Arbeitsplätze verloren, ganze Regionen mussten sich neu orientieren.

In dieser Situation entstand Anfang der 1990er Jahre die Stiftung Arbeit und Umwelt. Die westdeutsche IG Chemie, Papier, Keramik gründete sie zu ihrem 100-jährigen Bestehen; zugleich floss mit der Auflösung der ostdeutschen Chemiegewerkschaft deren Vermögen in das Stiftungskapital. Die Stiftung war damit nicht nur eine neue Institution, sondern auch Ausdruck des Versuchs, gewerkschaftliche Verantwortung in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche neu zu fassen: zwischen Industriekrise, ökologischer Sanierung und der Frage, wie Qualifizierung und Beschäftigung unter veränderten Bedingungen gesichert werden konnten.

Sabine Schlüter war von Anfang an Teil dieser Arbeit. Ihr Buch führt nach Bitterfeld, an einen Ort, an dem sich die Widersprüche dieser Jahre bündeln. Hier begleitete die Stiftung die Sanierung von Altlasten, organisierte Weiterbildung und suchte nach Wegen, wie aus industriellem Niedergang etwas Neues entstehen könnte. Vieles davon geschah tastend, unter unsicheren Bedingungen und ohne klare Vorbilder.

Schlüter schreibt nah an den Erfahrungen dieser Zeit. Sie beschreibt nicht nur Projekte, sondern auch den Alltag dahinter: befristete Verträge, wechselnde Zuständigkeiten, Missverständnisse zwischen Ost und West. Man spürt, wie unterschiedlich die Erwartungen waren – und wie mühsam es war, daraus gemeinsame Arbeit entstehen zu lassen.

Gleichzeitig erzählt das Buch auch von den persönlichen Zumutungen dieser Jahre. Als Führungskraft mit kleinen Kindern bewegt sich Schlüter in einem Umfeld, das wenig Rücksicht kennt. Berufliche Verantwortung, politische Auseinandersetzungen und privates Leben greifen ineinander, oft ohne klare Trennung.

Gerade in diesen konkreten Erfahrungen liegt die Stärke des Buches. Es zeigt den Umbruch aus der Arbeit heraus: in ihren Widersprüchen, Konflikten und offenen Fragen. Wer verstehen will, warum die Umbrüche der 1990er Jahre in Ostdeutschland bis heute nachwirken und warum Strukturwandel vielerorts nicht als Zukunftsversprechen, sondern als Verlustgeschichte erinnert wird, findet hier ein aufschlussreiches und sehr persönliches Zeugnis.


Sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehen wir uns in Bitterfeld
von Sabine Schlüter
Eigenverlag 2020

Wenn Sie Interesse an dem Buch haben, melden Sie sich gern unter arbeit-umwelt@igbce.de