Systemkrise. Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus
Zuviel versprochen?
Philipp Staab diagnostiziert, dass der sogenannte grüne Kapitalismus – damit meint er die ökologische Modernisierung des kapitalistischen Wirtschaftssystems – in eine tiefe Legitimitätskrise geraten ist. Das einst vielversprechende Projekt einer ökologischen Transformation verliert gesellschaftlich an Glaubwürdigkeit und Unterstützung. Der „grüne Fortschritt“ erzeugt nicht mehr Legitimität, sondern verstärkt politische und kulturelle Konflikte.
Wandel der gesellschaftlichen Legitimation
Früher wurde Modernisierung als Versprechen einer besseren Zukunft verstanden; heute ist dieses Versprechen entwertet. Die Aussicht auf Fortschritt erzeugt keine breite Zustimmung mehr. Stattdessen empfinden viele Menschen Maßnahmen zur ökologischen Transformation als grenzüberschreitende Eingriffe in ihre Lebenswirklichkeit.
Legitimationsprobleme als systemisches Problem
Staab knüpft an klassische soziologische Krisentheorien (z. B. Jürgen Habermas‘ Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus) an: In der Spätmoderne genügt eine bloße Anpassung des Wirtschaftssystems nicht mehr, um gesellschaftliche Zustimmung zu generieren. Die normative Basis des Systems wird in Frage gestellt, weil die früheren Sinn- und Zukunftserwartungen erodiert sind.
Ökologische Transformation und gesellschaftliche Spannungen
Einige Gruppen, die früher eher für Klimapolitik oder Umweltschutz mobilisiert werden konnten, sind heute ihre Gegner: z.B. Landwirte, Pendler, Hauseigentümer. Diese Menschen erleben ökologische Maßnahmen als Belastung statt als Fortschritt, was zu wachsender Ablehnung führt.
Die Signatur der Zeit: Selbsterhaltung statt Selbstentfaltung
Staab beschreibt einen kulturellen Wandel: Die Gesellschaft ist stärker von Angst vor Verlust und Selbsterhaltungsfragen geprägt als von Utopien einer besseren Zukunft. Das macht sie defensiv und eher veränderungs- oder innovationsscheu – selbst dort, wo große Teile die Klimakrise rational anerkennen.
Folgen für Demokratie und politische Kultur
Weil ökologische Modernisierung zunehmend nicht mehr als glaubwürdiges und gerechtes Zukunftsprojekt wahrgenommen wird, richtet sich die gesellschaftliche Ablehnung nicht nur gegen konkrete politische Maßnahmen, sondern greift teilweise auch auf liberale Werte und demokratische Institutionen über. Der grüne Kapitalismus trägt damit selbst zur politischen Polarisierung bei und verschärft bestehende Vertrauensverluste gegenüber demokratischer Politik.
von Philipp Staab
Suhrkamp Verlag 2025
Broschur, 221 Seiten
18,00 Euro

