Transformationscamp
 

“Transformation ist keine Science Fiction”

Die 2020er Jahre sind entscheidend für eine zukunftsweisende Klima- und Industriepolitik. Der Industriestandort Deutschland will bis 2045 klimaneutral sein; die EU-Kommission bis 2050 eine klimaneutrale Wirtschaft etablieren. Das Transformationscamp der IG BCE und der Stiftung Arbeit und Umwelt gab kurz vor der Bundestagswahl wichtige Impulse für einen sozial-ökologischen Transformationsprozess.

Es gab zwölf Sessions, mehr als 250 Gäste und über 30 Referent*innen aus Industrie, Gewerkschaft, Wissenschaft und Politik. Kajsa Borgnäs, Geschäftsführerin der IG-BCE-Stiftung Arbeit und Umwelt, betonte: „Wir stehen am Beginn eines neuen industriellen Kapitels.“ Die Wirtschaft befindet sich im Umbruch – das geht mit dem ökologischen Wandel, der Digitalisierung und der Globalisierung einher. „All diese Kräfte wirken zusammen“, sagte IG-BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis. Entsprechend müssten sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene alle Akteure zusammen eine neue Verantwortung übernehmen. An die Adresse der kommenden Bundesregierung gerichtet, sagte Vassiliadis: „Sie muss einen förderlichen Rahmen für mehr und beschleunigte Investitionen in eine moderne, klimaneutrale Industriegesellschaft schaffen.“

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Im Gespräch: IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis mit Kajsa Borgnäs, Geschäftsführerin der Stiftung Arbeit und Umwelt. Foto: Stiftung Arbeit und Umwelt.

Die Aufgaben

Klimaneutralität ist für die Chemieindustrie eine knifflige Mission. „Wir brauchen große Mengen Strom aus erneuerbaren Energien zu wettbewerbstauglichen Preisen“, sagte Brigitta Huckestein, bei BASF für Energie- und Klimapolitik verantwortlich. BASF ist Partner des Energiekonzerns Vattenfall bei einem Offshore-Windpark und arbeitet mit RWE an einem Projekt für die CO2-freie Produktion von Wasserstoff, der als wichtiger Energieträger der Zukunft gilt. Auch die Bundestagsabgeordneten Matthias Miersch (SPD) und Anton Hofreiter (Grüne) sowie Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU) waren sich darin einig, dass die Transformation nur mit einem massiven Ausbau der Erneuerbaren gelingt. Ein Planungszeitraum von sechs bis neun Jahren für neue Windparks sei viel zu lang, sagte Hofreiter. Miersch warb für ein Gremium mit Beteiligung von Umweltschutzverbänden, Industrie und Energiewirtschaft, das nach der Bundestagswahl einen konkreten Kurs für die nächste Dekade vorschlagen soll.

Jörg Rothermel, Energie- und Klimaschutzexperte beim Verband der chemischen Industrie (VCI), zeigte sich optimistisch: „In unserer Roadmap von 2019 konnten wir darlegen, dass Transformation keine Science Fiction, sondern technologisch möglich ist.“ Er sah im steigenden Bedarf an Erneuerbaren sowie in einer neuen Kreislaufwirtschaft für eingesetzte Rohstoffe zwei Schwerpunkte. Und die Industrie brauche Zeit für anstehende Innovationen. „In der Diskussion um grünen Wasserstoff stört mich der Dogmatismus“, sagte Wolfgang Langhoff, Vorstandsvorsitzender von BP Europa. „Es muss eine Parallelität über einen gewissen Zeitraum hinweg geben. Also übergangsweise auch grauen oder blauen Wasserstoff.“ Detlef Woesten vom Hamburger Raffinerieunternehmen H&R warb dafür, in der Transformation eine Vielfalt der Stoffe zuzulassen, also Grundstoffe, Kohlenwasserstoffe und auch fossile Energieträger. Man solle nicht auf Verbannung, sondern auf klimaneutrale Nutzung setzen.

Mission Kohlenstoff

Der Kupferhersteller und -recycler Aurubis will bis 2050 klimaneutral sein. Das berichtete Vedrana Lemor, beim Konzern Referentin für Klima- und Umweltpolitik. Kupfer ist ein wichtiger Rohstoff für die kommende E-Mobilität. Damit die Kupferproduktion in Deutschland bleiben kann, hofft Aurubis auf eine ambitionierte Recyclingpolitik. Und auf globale CO2-Preise sowie einen Carbon-Leakage-Schutz in den kommenden Jahren. Der Green Deal der EU-Kommission von 2019 legt dar, wie Europa bis 2050 zum klimaneutralen Kontinent werden kann. Bestandteile sind unter anderem CO2-Grenzausgleichssysteme. Der CO2-Emissionshandel bleibt ein wichtiges Instrument. Eine Folge: Der CO2-Preis aus dem Handel mit Emissionsberechtigungen steigt; davon sind energieintensive Industrien besonders betroffen. Bisher erhalten Unternehmen kostenlose Emissionszertifikate, damit sie ihre Produktion (und damit CO2-Emission) nicht in Länder mit weniger strikten Auflagen verlagern. Eine solche Verlagerung, der Carbon Leakage, würde zu einem Emissionsanstieg führen.

Der CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) ist ein neues Instrument, das die EU für 2023 vorschlägt. Dieses belastet Importe in die EU mit Abgaben, die ihrem CO2-Gehalt entsprechen. Ein Verlagern der Produktion lohnte dann nicht mehr. Aus Sicht vieler Kritiker entstünde allerdings ein neuer Protektionismus. Der Umweltverband BUND befürwortet sowieso eher eine CO2-Besteuerung. Kritisch sieht Bundesgeschäftsführerin Antje von Broock auch technische Lösungen wie die CO2-Speicherung. „Wir wissen nicht, wie gut das langfristig funktioniert.“ Diese Sicht bezeichnete BP-Vorstandsvorsitzender Langhoff als „Endlagermythos“. „Ich sehe diese Gefahr bei CO2 nicht; das wird sehr plakativ diskutiert.“

Aus Sicht der Industrie muss die CO2-Bepreisung so rasch wie möglich in verbindliche Bahnen gelenkt werden. Noch fehle ein klarer politischer Handlungsrahmen, sagte Karsten Neuhoff vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Er habe auch Sorge, dass einige Unternehmen sich nicht schnell genug auf technische Innovationen einließen. „Das aber ist wichtig für den Erhalt von Arbeitsplätzen.“

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