Offener Meinungsaustausch zur Zukunft der Industrie in Europa
Im Januar diskutierten Gewerkschafter:innen aus Spanien, Frankreich und Deutschland bei einem von der Friedrich-Ebert-Stiftung organisierten Trialog in Paris über die Frage, welche Relevanz die EU-weit diskutierte Forderung nach Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit auf die Energiepolitik und die Zukunft der Industrie in Europa hat. Im Zentrum standen in den Gesprächen die unterschiedlichen Herangehensweisen der Gewerkschaften. Das Besondere: Die Gespräche fanden unter den Regeln von „Chatham-House“ statt: Es darf nicht daraus zitiert werden, wer daran teilgenommen hat, wird namentlich auch nicht verraten.
Nun könnte man sich durchaus fragen: Was soll dann ein Bericht darüber? Zunächst einmal gilt es nicht als „Geheimnisverrat“ zu berichten, dass die Gespräche sehr interessant und für alle Seiten äußerst nützlich waren. Zudem ist es wichtig deutlich zu machen, warum gerade solche Gesprächsformate von Bedeutung sind. Denn Möglichkeiten der Verständigung – und in Folge auch gemeinsames Handeln – haben nur dann eine große Chance, wenn Vertrauen zwischen den Partnern entsteht. Dafür waren diese Gespräche ein sehr gutes Beispiel.
Wenn französische, spanische und deutsche Gewerkschafter:innen sich zu einem offenen Meinungsaustausch treffen, dann kann man Einiges lernen. Beispielsweise, dass die Kluft zwischen der politischen Rede und Rhetorik in Spanisch, Französisch und Deutsch deutlich größer ist als die inhaltlichen Unterschiede. Was auch für das jeweilige Temperament gilt. Gelernt habe ich auch, dass die Auffassungen darüber, wie tief die europäische Integration in der EU gehen sollte, nicht nur zwischen den Regierungen der Mitgliedsländer teils weit auseinander gehen, sondern dass es auch zwischen den nationalen Gewerkschaften durchaus differenzierte Auffassungen darüber gibt. Einigkeit herrschte und herrscht darüber, dass die Industrien, vor allem die energieintensiven Industrien, deutlich mehr Schutz und Unterstützung seitens der nationalen Regierungen, aber vor allem auch durch die Europäische Union brauchen. Nur so können sie gegen hochsubventionierte Importe (nicht nur) aus China bestehen und zugleich auch noch die gemeinsamen Ziele für Treibhausgasneutralität erreichen. Dass dabei ein europäisches Energiesystem – zumindest ein wirklicher gemeinsamer europäischer Energiemarkt – eine wichtige Voraussetzung ist, gehört auch zu den Gemeinsamkeiten.
Dass sich am Ende der Gespräche alle Beteiligten bei der Friedrich-Ebert-Stiftung ausdrücklich bedankten und nachdrücklich dazu ermunterten, diesen Austausch möglichst jährlich fortzuführen, war keineswegs selbstverständlich. Dem ging ein erheblicher Einsatz der Organisatorin voraus, die maßgeblich zum positiven Verlauf des Treffens beitrug: Alle Teilnehmenden konnten sich in ihrer jeweiligen Muttersprache äußern – ermöglicht durch eine ausgezeichnete Simultandolmetschung. Die Moderation füllte ihre Rolle als fachkundige und zugleich zurückhaltende Gastgeberin ohne eigene inhaltliche Agenda aus. Sie brachte die Gespräche in Gang, hielt sie lebendig und führte sie zu einem Abschluss, der nach einer Fortsetzung verlangte. Die Stiftung Arbeit und Umwelt hatte aus ihrem inhaltlichen „Portfolio“ und ihrer Diskurserfahrung viel beizutragen und wird sich auch in weiteren Runden einbringen.
Einen weiterführenden Bericht der Friedrich-Ebert-Stiftung über den Trialog lesen Sie hier: paris.fes.de
© FES Paris/Mathieu Gug

